Title: Christian
Subtitle:
Author: Markus Nikl


Bericht Christian

Christian S. wurde am 01.08.1983 geboren. Die ersten zwei Jahre war er besonders brav und für uns Eltern unauffällig. Danach wurde Christian schwierig, er konnte nicht mehr alleine einschlafen, sobald ich aus dem Zimmer ging, schrie er wie von Sinnen. Es dauerte immer 2 – 3 Stunden bis er eingeschlafen war. Nachdem er mit 2 ½ Jahren rein war, ging es ab dem dritten Lebensjahr fast täglich wieder in die Hose. Er sprach auch nicht mehr so viel wie vorher.
Trotzdem machten wir uns aber nicht allzu viele Sorgen, denn Christian war ja gesund, das konnte ja nicht auf einmal anders sein. Wir waren ziemlich naiv, hatten keine Ahnung von psychischen Krankheiten, Verhaltensstörungen usw.
Anfangs gingen wir zur Logopädin, die meinte wir sollten einen Hörtest machen. Obwohl die Untersuchung im Krankenhaus schwierig war, stellten sie fest, dass mit dem Gehör alles in Ordnung ist. Danach besuchten wir einen Kinderarzt, nach langer Wartezeit wurde Christian müde, weinerlich und auch ängstlich. Als wir endlich zum Arzt kamen, sagte der nach nur einem kurzen Augenblick „Ihr Kind ist nicht normal, er gehört in eine neurologische Klinik“. Ich war sehr empört und wütend, weil er mich nicht einmal zu Wort kommen ließ. Deprimiert fuhren wir nach Hause. Erst viel später wurde uns klar, dass er doch Recht hatte. Die Meinung von unserem Hausarzt war, dass Christian mehr mit gleichaltrigen Kindern beisammen sein musste. Im Sommer 1987 bekam Christian eine Schwester, die ihn nicht besonders interessierte. Mit 4 Jahren kam er in den Kindergarten, mit Bauchschmerzen ging ich mit ihm dort hin. Natürlich konnte er nicht sitzen bleiben, er lief herum, leerte alle Spielkörbe aus und zerstörte den anderen Kindern das, womit sie gerade beschäftigt waren. Trotzdem haben ihn alle gern gehabt, weil sie merkten, dass er das nicht böswillig getan hatte.
Im Herbst 1987 fuhren wir mit ihm zu einer Kinderpsychologin, die uns dann zur Abklärung der Entwicklungsstörung in ein Krankenhaus überwies.
Anfang 1988 kam Christian ins Spital nach Wien in die heilpädagogische Abteilung. Er hatte starkes Heimweh und weinte sehr viel. Wenn wir ihn besuchten, ignorierte er uns. In der Nacht schrie er dann: „Mama hilf mir, ich bin eingesperrt!“, obwohl er zu dieser Zeit fast überhaupt nicht mehr sprach. Er bekam verschiedene Therapien und EEG-Untersuchungen. Nach einem zehnwöchigen Krankenhausaufenthalt wurde Christian entlassen. Den Befund bekam ich erst nach telefonischer Anfrage Wochen später, in diesem stand: Deutliche Entwicklungsbeeinträchtigung mit autistischer Verhaltenssymptomatik. Niemand erklärte uns, was das eigentlich bedeutete und warum das so ist.
Danach kam Christian in einen heilpädagogischen Kindergarten nach St. Pölten. Es war für uns ziemlich frustrierend unseren lieben Sohn unter sichtlich behinderten Kindern zu geben. Erst zu dieser Zeit wurde uns richtig bewusst, dass Christian nie wieder ganz gesund sein wird.
1989 als Christian bereits 6 Jahre alt war, ließen wir ihn im Autistenzentrum in Wien von Frau Dr. Elvira Muchitsch untersuchen.
Endlich hatten wir eine Diagnose: Autismus!
Ab sofort besuchte er den dortigen Kindergarten und nachmittags den Hort. Es war ziemlich anstrengend, mussten wir doch zweimal täglich nach Wien fahren, was immerhin 60 km entfernt ist, aber für uns war nur wichtig, dass er richtig betreut wurde.
Nach zweijährigem Hausunterricht kam Christian 1992 in die Schule, die leider noch weiter entfernt lag. Die Umgewöhnung war sehr schwierig, er konnte anfangs nur eine halbe Stunde bleiben, danach fuhren wir in den Hort, wo er bis Mittag blieb und dann ging es nach Hause. Es dauerte ein paar Monate bis er endlich länger in der Schule bleiben durfte und dann mit dem Schulbus in den Hort fahren konnte.

Je älter Christian wurde umso schwieriger wurde er, ohne Medikamente (Melleril) ging es nicht mehr.
Im Oktober 1997 teilte mir seine Lehrerin mit, dass Christian seine Mitschüler schlägt. Wir waren entsetzt, denn bis jetzt war er immer nur zu sich selbst aggressiv. Doch einen Monat später bekam ich die erste Ohrfeige von ihm, ab diesen Zeitpunkt wurde er täglich problematischer.
Anfang 1998 kam er wegen richtiger Medikamenteneinstellung wieder ins Krankenhaus. Ein Therapieversuch mit Praxiten zeigte einen paradoxen Effekt. Danach bekam er wieder Melleril, jedoch eine höhere Dosis.
Nach ca. zwei Wochen wollten wir Christian wieder abholen, aber er war in der ganzen Station unauffindbar. Erst die Security fand ihn, in der weit entfernten Eingangshalle. Sein Verhalten wurde nicht besser, im Gegenteil. Jetzt wollte er immer nur weg, von wo er gerade war.
Als ich ihn vom Hort abholen wollte, sah ich schon von Weitem die Polizei stehen, mir wurde ganz flau im Magen. Tatsächlich ist Christian aus dem Fenster gesprungen und war weg. Alle suchten ihn, die Polizei, die Betreuer und natürlich ich.
Mir war ganz schlecht, ich glaubte nicht, dass ich ihn unverletzt wieder sehen würde. Wusste ich ja, dass er die Gefahr von fahrenden Autos oder der Straßenbahn nicht abschätzen konnte. Doch sein Betreuer fand ihn in der U-Bahnstation sitzend und gesund. Auch zu Hause mussten wir alles zusperren und immer aufpassen, was ziemlich schwierig war. Christian war so hyperaktiv und ununterbrochen im ganzen Haus oder Garten unterwegs.
Eines Abends wollte ich nachschauen, ob er schon eingeschlafen war, doch sein Bett war leer. Wir suchten alles ab, doch er war unauffindbar. Mein Mann fuhr den Weg ab, da wo wir meistens spazieren gingen. Ich rief meine Eltern an, die uns suchen halfen und natürlich die Polizei. Etwas später rief mich meine Freundin an und teilte mir mit, dass Christian bei ihrer Nachbarin im Wohnzimmer sitzt und Chips isst. Mir wird heute noch ganz anders, wenn ich daran denke, dass er in der Dunkelheit die Bahngleise überquerte und zwei Kilometer die Straße entlang ging. Danach reduzierten wir das Medikament und der Drang wegzulaufen war wieder vorbei.
Doch sein Verhalten verschlimmerte sich immer mehr, er schlug sich den Kopf blutig, biss sich die Hände wund und schlug immer wieder auf andere ein. Christian war inzwischen 15 Jahre alt und mit der Schule fertig. Wir suchten ein geeignetes Tagesheim für ihn.
Probeweise war er täglich ein paar Stunden in Tulln. Laut Heimleitung durfte Christian tun was er möchte, dass das für Autisten schlecht ist, wollten sie uns nicht glauben. Nachdem Christian vier Tage den Gang nur auf und ab lief, nahm er uns nicht einmal wahr, als wir ihn abholten.
Somit ging die Suche nach einen Heim weiter.
Wir besuchten weiter den Hort in Wien, damit Christian nicht zu Hause war. Bei einer Heimfahrt fing Christian so zu schlagen an, dass ich anhalten musste. Er wollte unbedingt aus dem Auto raus. Er trat mit den Füßen umher, haute mit dem Kopf solange auf die Seitenscheibe bis sie zerbrach. Schlug mir die Nase blutig, ich hatte bald keine Kraft mehr ihn aufzuhalten. Kein Mensch half uns, alle schauten nur zu. Endlich kam die Polizei, sie zogen Christian aus dem Auto und legten ihm Handschellen an. Plötzlich lächelte er wieder. Nach langen Erklärungen kam dann ein Krankenwagen und brachte uns ins Spital.
Christian ließ sich natürlich nicht untersuchen, erst nach 30 mg Valium, wobei ihn drei starke Pfleger halten mussten, konnte sein Kopf geröntgt werden. Gleich danach lief er wieder den Gang auf und ab, bis uns endlich ein Krankenwagen heimfuhr.
Wir kauften uns dann einen Jeep, wo wir zwischen den Vorder- und Rücksitzen ein Gitter montieren konnten. Trotzdem konnte ich nur mehr kurze Strecken mit ihm fahren. Die darauf folgenden Monate waren besonders schlimm. Christian war nur mehr zu Hause. Er tobte, schrie, schlug sich den Kopf an den Fliesen, das diese zerbrachen. Er konnte nicht mehr mit uns essen ohne dass der Teller flog, rannte geschlossene Türen ein und schlug uns immer wieder. Er war auch sehr oft nachdenklich, einmal sagte er zu sich selber: „Warum wurde ich geboren?“. Das machte uns sehr traurig.
Eines Tages war Christian besonders ruhig, er lag die ganze Zeit auf der Bettbank, hatte keinen Appetit. Er konnte uns nicht mitteilen, ob ihn was schmerzte. Erst als er sich den Bauch eincremte, hatten wir den Verdacht auf Blinddarmentzündung, was auch der Hausarzt bestätigte. Wir fuhren gleich ins Krankenhaus, auf dem Weg dorthin war ein Stau. Noch nie erlebten wir auf dieser Straße einen Stau, doch an diesem Tag mussten wir zwei Stunden warten. Als wir endlich im Spital ankamen, konnte Christian nicht mehr gerade gehen. Die Operation dauerte ziemlich lange, der Blinddarm war fast schon durchgebrochen. Eine Woche musste er dort bleiben. Wir waren abwechselnd den ganzen Tag bei ihm. Als wir in der Früh hinkamen, hatte er schon die Jacke an, er wollte immer gleich nach Hause.
Im Oktober 1998 war die ganze Familie nervlich am Ende, wir konnten einfach nicht mehr. Ich rief das Krankenhaus an und bat darum Christian aufzunehmen. Doch die meinten, sie seien voll belegt und für so einen schwierigen Patienten hätten sie zurzeit zu wenig Personal. Danach kontaktierte ich ein anderes Spital, die bereit waren Christian aufzunehmen. Er bekam ein neues Medikament, Zyprexa. Meistens schlief er, wenn wir ihn besuchten, er wurde sehr oft nach einen schweren Anfall ruhig gestellt.
Nach vierwöchigem Aufenthalt kam Christian wieder nach Hause. Er nahm durch das neue Medikament wöchentlich zu. Als er bereits an die 100 kg hatte, meldete ich das dem Arzt, dieser meinte aber nur: „Seien sie froh, dass es wirkt, irgendwann wird er nicht mehr an Gewicht zulegen.“
Wenn Christian jetzt aggressiv wurde, ging natürlich alles zu Bruch. Sein Bett, die Wohnzimmercouch, einmal fetzte der die Eingangstür so heftig auf, dass diese auseinander brach.
Wir besuchten mit Christian einmal wöchentlich das Autistenzentrum in Strasshof an der Nordbahn, welches besonders für Autisten geeignet ist. Die Eingewöhnungsphase war sehr lang und schwierig. Erst als ein qualifizierter Einzelbetreuer gefunden wurde, konnte Christian dort bleiben.
Christian wurde durch die konsequente Beschäftigungstherapie immer ausgeglichener. Die Zeit der Pubertät war auch endlich vorbei.
Inzwischen schläft Christian unter der Woche im Heim. Die Wutanfälle sind nur mehr selten, das Leben mit Christian ist zwar noch anstrengend, aber wieder schön geworden.


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